Misereor - Hungertuch 2021

Die Bedeutung des neuen Misereor-Hungertuches erschließt sich dem Betrachter nicht unmittelbar. Erläuterung ist nötig.
Lesen Sie deshalb die ausführliche meditative Bildbetrachtung von Pfarrer Barthel Kalscheur:
 

 

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Du stellst meine Füße in weiten Raum (Psalm 31,9)

Der Fuß auf diesem Bild steht nicht in einem weiten Raum, sondern liegt angeschlagen auf einem Krankenbett. Die Künstlerin Lilian Moreno-Sánchez hat das Röntgenbild vom Fuß eines chilenischen Demonstranten zur Grundlage ihrer Gestaltung des neuen Hungertuchs gemacht. Sie ist selbst Chilenin und lebt seit 1995 in Deutschland. Im Oktober 2019 gab es in Santiago de Chile die größte Demonstration in der Geschichte des Landes mit etwa 1,2 Millionen Teilnehmern. Die Proteste richteten sich gegen die soziale Ungleichheit und die Kostenerhöhungen im öffentlichen Dienst (Preise für die Metro, ein schlechtes System der Altersvorsorge, Strompreise, kaum erschwingliche Kosten für Bildung und Gesundheit). Erstmals seit dem Sturz von General Pinochet vor 30 Jahren wurde der  Ausnahmezustand verhängt. Mit dem Hungertuch erinnert MISEREOR daran, dass es an vielen Orten der Welt einen Aufstand der Menschen gegen Ungerechtigkeiten aller Art, gegen politische Willkür, gegen staatliche Bevormundung und Machtmissbrauch gibt. Wir denken aktuell an die Demokratiebewegung in Belarus, an die Proteste gegen den Militärputsch in Myanmar und das Leid der Brasilianer, die den ideologischen „Blindflug“ ihres Staatspräsidenten ertragen müssen. Überall machen sich Menschen auf die Beine und setzen sich in Bewegung, um etwas zu bewegen. Millionen andere Menschen sind „zu Fuß“ auf der Flucht. Manche zahlen dafür einen hohen Preis. Für die Verletzungen der Menschen auf ihrer Suche nach einem lebenswerten Leben oder in ihrem Einsatz für eine bessere Welt steht das stilisierte Röntgenbild eines gebrochenen Fußes.

Auch die Corona-Pandemie mit ihren menschlichen Zumutungen und sozialen Einschränkungen verweist auf die „Gebrochenheit“ unseres Lebens. Sie erinnert uns daran, dass wir denselben Sturm erleben, aber nicht alle in demselben Boot sitzen. MISEREOR ist es wichtig, die Länder des Südens nicht aus dem Blick zu verlieren. Das Virus trifft sie härter als uns. Wo viele Menschen sich wenig Raum teilen müssen, da ist „social distancing“ eine absurde Forderung.

Die Künstlerin stellt den verletzten Fuß als Triptychon dar. In einem dreiflügeligen Altar ist in der Mitte die zentrale Botschaft zu finden. Hier sehen wir in der Mitte das Fußgelenk, das für den aufrechten und leichten Gang des Menschen unerlässlich ist. Ein Gelenk ist wie ein Scharnier, wie ein Dreh- und Angelpunkt. Wenn das Gelenk zerstört wurde, ist, bildhaft gesprochen, der aufrechte Gang des Menschen in Würde und Freiheit, in Gerechtigkeit und Solidarität, nicht mehr möglich. Das Gelenk wurde hier mit Zeichen-Kohle verstärkt und als unentwirrbares Knäuel dargestellt. Man kann es aber auch als einen Tanz der Linien oder ein wirbelndes Kraftzentrum sehen, bei dem noch niemand weiß, was daraus hervorgehen wird.

In einem „normalen“ Triptychon finden wir in der Mitte meistens die Darstellung des Gekreuzigten. Der Erlöser einer Welt, „die durch ihn und auf ihn hin geschaffen wurde“ (Kol 1,16),  ist von Menschen beseitigt worden. Er sollte „Dreh- und Angelpunkt“ von allem sein, doch nun markiert er den Tiefpunkt menschlicher Möglichkeiten: Tod und Zerstörung.

Kann daraus etwas Neues hervorgehen? Eine neue, unzerstörbare Hoffnung? Ein trotziges „dennoch“? – Die Verkündigung der Kirche beantwortet diese Frage mit Ja. Sie begreift den Tiefpunkt auf Golgotha als Wendepunkt und nennt ihn Auferstehung. Ostern ist die verborgene Kehrseite des Kreuzes. Die Auferstehungsbotschaft gibt der Welt ihren Sinn zurück, - und damit auch jedem Einsatz für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit.

Es ist sinnvoll, sich um die Verletzten zu kümmern, um die Kranken, die Einsamen, die Entrechteten, die Geflüchteten, die Diskriminierten, die Vergessenen. Aus Amerika hörten wir den Ruf „black lives matter“. So müssen wir auch sagen „injured lives matter“ – verletztes Leben zählt. Gerade die Kirche muss sich der Verletzten annehmen, denn sie ist laut Papst Franziskus ein „Feldlazarett“.

Moreno Sánchez hat nicht auf einer normalen Leinwand gemalt, sondern auf Bettwäsche aus einem Krankenhaus und einem bayerischen Frauenkloster. Damit macht sie deutlich: Es kommt auf die körperlichen und die seelisch-spirituellen Gesichtspunkte von Krankheit und Heilung an. Sie hat auch Staub vom „Platz der Würde“ in Santiago in die Laken gerieben und den Stoff vielfach übereinander gelegt. Wie verletzte Haut hat sie ihn mit goldenem Zickzack wieder zusammengenäht. So wird Heilung möglich. Die Blumen aus Blattgold greifen das Muster der Kloster-Bettwäsche auf und  künden von Hoffnung und Liebe. Ohne die spirituelle Kraft, die aus der Mitte des Glaubens kommt,  bleiben die Brüche des Lebens übermächtig.

Der Beter in Psalm 31 bekennt: „Du hast mein Elend angesehen und kanntest die Ängste meiner Seele - du stelltest meine Füße in weiten Raum“.

Der Psalm ist vor 2.500 Jahren entstanden, vermutlich in der Zeit des babylonischen Exils; in ihm werden Erfahrungen von Krankheit, Einsamkeit, Unterdrückung und Verzweiflung verarbeitet. Immer wieder haben Menschen Zuflucht bei Gott gesucht und gefunden.

Das Hungertuch mit dem gebrochenen Fuß stellt jeden und jede von uns vor die Frage, wo wir gebrochen sind und der Heilung bedürfen. Es fragt uns auch nach unserer Bereitschaft zum Aufbruch und zum Wandel.

Barthel Kalscheur, Pfarrer

Den obigen Text können Sie hier herunterladen:

 

 


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