Gewollt. Geliebt. Gesegnet.

In einem spektakulären Coming-out haben vor einigen Tagen mehr als 100 Mitarbeiter der katholischen Kirche öffentlich bekundet, dass sie queer sind - also schwul, lesbisch, bisexuell oder transsexuell.
Zur ARD-Reportage "Wie Gott uns schuf" äußert sich Pfarrer Barthel Kalscheur:

„In der Kirche – und doch irgendwie draußen“

– so würde ich die Initiative „out in church“ übersetzen. Bei den Betroffenen handelt es sich um Priester, Diakone und Ordensleute, Religionslehrer und Sozialarbeiter, um Pastoralreferentinnen und -referenten. Sie sind , was ihre sexuelle Orientierung angeht, „neben der Spur“. Das heißt, sie empfinden nicht wie heterosexuelle Menschen, die sich zur Mehrheit in der Gesellschaft zählen. In ihrer eigenen leidgeprüften Wahrnehmung  fühlen sie sich auf subtile und manchmal auch robuste Art von Mitchristen, vor allem aber von der Kirche als ihrem Arbeitgeber diskriminiert und mehr geduldet als geschätzt. Sie beklagen die Intransparenz der Bestimmungen im kirchlichen Arbeitsrecht und fühlen sich Willkür und Drohungen ausgesetzt. Sie möchten als kirchliche Angestellte, als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in verschiedensten Kontexten, ohne Angst vor Repressalien, ohne Einschüchterung und Denunziation leben können. Viele von ihnen sind ein jahrzehntelanges Versteckspiel und ihr Doppelleben leid.

Als Pfarrer und Seelsorger kann ich die Sorgen und Nöte dieser Menschen sehr wohl nachvollziehen, auch wenn mir persönlich bislang nur ein Fall in Dinslaken bekannt geworden ist, der vor etlichen Jahren zur Kündigung einer Frau führte, die ihre Lebensgefährtin heiratete. Die Kündigung wurde ihr nicht von der Kirchengemeinde, sondern vom Bistum Münster ausgesprochen.

Die Hauptforderung der betroffenen Menschen ist, so denke ich, wahrgenommen und akzeptiert zu werden, „wie Gott sie schuf“. Die Kirche muss lernen, die Vielfalt sexuell-genetischer und entwicklungspsychologischer Prägung vieler Menschen moraltheologisch neu zu bewerten und sie nicht als „Menschen mit Mängeln in die Mangel“ zu nehmen. Im Gegenteil: In anderen Kontexten versteht sich die Kirche ja auch als Anwältin der Ausgegrenzten und der diskriminierten Minderheiten.

Ich weiß, dass die arbeitsrechtlichen Bestimmungen in der Kirche auf dem Prüfstand sind. Solange dieser Prozess noch im Gange ist, gilt auch in unserem Bistum die bestehende Rechtslage.  Das schließt aber keineswegs aus, dass neue Erkenntnisse in die Rechtsprechung bereits jetzt einfließen.

In unserem Land und erst recht weltweit gibt es die Herausforderung der „Ungleichzeitigkeit“ kirchlicher Entwicklungen. Was in den Augen einiger möglicherweise längst „überfällig“ ist, erscheint anderen wie ein „Verrat“ an den Prinzipien kirchlicher Lehre.

Es ist notwendig, gewisse Spannungen und Grundkonflikte in der Kirche auszuhalten. Ich meine die Spannung zwischen der Anerkennung menschlicher Realitäten und der Wertschätzung der kirchlichen Lehre von der Treue und Verbindlichkeit in den menschlichen Beziehungen, die Spannung zwischen Frieden und Gerechtigkeit, die Spannung zwischen Wahrheit und Barmherzigkeit, zwischen Amt und Charisma.

Im Team der Seelsorgerinnen und Seelsorger waren wir uns einig, die Initiative Out in Church zu begrüßen. Unsere Jugendreferentin wies darauf hin, dass die Frage die Anerkennung einer Lebensform, die mit dem englischen Wort „queer“ (seltsam) bezeichnet wird, bei jungen Menschen normal ist.

In unserer Personalführung im Kirchenvorstand ist es uns sehr wichtig, ein vertrauensvolles Klima zu schaffen, eine Atmosphäre der Wertschätzung und des grundsätzlichen Wohlwollens. Ich habe die Hoffnung, dass sich auf dieser Grundlage viele Probleme und auch Konfliktlagen gütlich regeln lassen.

Barthel Kalscheur, Pfarrer in St. Vincentius, Dinslaken

 

Mehr zum Thema im Buch "Gewollt. Geliebt. Gesegnet" von Wolfgang F. Rothe, Verlag Herder, Freiburg


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