Die St. Vincentius-Kirche

Die Kreuzigungsgruppe   Das Triumphkreuz    Die Vincentius-Glocke    Der Ambo   Die Orgel

Die Entstehung der Stadt Dinslaken und der alten Pfarrgemeinde St. Vincentius

Der wandelnde Zeitgeist ist auch an der St. Vincentius Kirche nicht spurlos vorübergegangen. Einiges davon ist heute noch sichtbar, einiges nur noch nachlesbar.

Das Kirchengebäude wurde in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, also zur Zeit der Spätgotik, aus Feldbrandziegeln errichtet. Ein Werkstoff, der in unmittelbarer Nachbarschaft, in der Rheinaue oder am Lohberg, gebrannt werden konnte. Die Vincentius-Kirche wurde streng in die Ost-West-Achse gebaut. Nach den Bauformen zu urteilen hat ein niederrheinischer Baumeister bei Errichtung der Kirche die westfälische Grundform einer dreischiffigen Hallenkirche durchgeführt. Typisch ist, wie allgemein für die niederrheinische und westfälische Form der Hallenkirche, ihre Querschifflosigkeit. In Grundriss und Raumbild sind die Gestaltungsprinzipien der spätromanischen Bauphase weiterhin wirksam. Auffällig ist, dass die Mittelschiffjoche quadratisch angelegt wurden, wodurch die Seitenschiffjoche zwangsläufig eine längsrechteckig Form erhielten. An Raumform und Baudetails offenbart sich der architektonische Reichtum der Spätgotik. Die äußeren Strebepfeiler sind durch Abtreppungen gegliedert und verjüngen sich oberhalb eines umlaufenden Gurtgesimses. Zwischen ihnen liegen die zwei- und dreiteiligen Spitzbogenfenster, die als Abschluss über den die Pfosten verbindenden kleinen Spitzbögen einen Rundpass tragen. Nach einer Stadtansicht um etwa 1600 fasste ein Satteldach nach Art westfälischer Hallenkirchen alle Schiffe und den Chor zu einer massigen, großformigen Einheit zusammen.

Im Inneren der dreischiffigen Halle fällt zunächst auf, dass die spätgotische Kirche im Verhältnis zur Breite der Schiffe und zum Durchmesser der mächtigen basenlosen Rundpfeiler sehr niedrig ist. Es ist keine himmelsstürmende, sondern eine dem Boden verhaftende Gotik mit entsprechenden Proportionen. Vom alten Mittelschiff haben nur zwei der ursprünglichen vier Joche den Krieg überstanden. Die noch erhaltenen Seitenschiffe sind halb so breit wie das Mittelschiff. Anstelle der Kapitelle haben die Pfeiler als oberen Abschluss umlaufende profilierte, gekehlte Deckplatten, auf denen die Kreuzrippen aus Tuff aufsitzen. Außen ruhen die Gurtbögen auf einfachen Kapitellen. Seitlich sind die einzelnen Joche durch Gurtbögen verbunden. Die Gewölberippen sind einfach profiliert. Sie werden von Schlusssteinen zusammengefasst, die als doppelt überlagerte Blattornamente gestaltet sind. Nur der Schlussstein des Chorgewölbes ist größer gehalten und reicher verziert. Er trägt das eucharistische Motiv des Osterlammes mit der Fahne.

Das Mittelschiff setzt sich in voller Breite in der Apsis fort, die aus fünf Seiten des Achtecks gebildet ist. Den Anschluss zum Langhaus bilden zwei den Pfeilern des Langhauses in Höhe und Durchmesser entsprechende Dreiviertelpfeiler. Auf der Gegenseite waren bis zur ihrer Zerstörung im Jahre 1945 zwei halbrunde Pfeiler an die Turmwand angebunden. Vom Langhaus ist der Chor lediglich durch eine schmale Gurtrippe getrennt. Hallenkirchen mit ähnlichen kräftigen Rundpfeilern, die ebenfalls in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts errichtet wurden, findet man in Kevelaer und Goch.

Der Kirche war im Westen ein Turm vorgesetzt. 1492 und 1512 wurden zu beiden Seiten des Turms zwei Kapellen angefügt. Die südliche Kapelle war dem Hl. Sebastian, die nördliche dem Hl. Antonius geweiht. Das mit einem Spitzbogenfenster gekrönte Hauptportal befand sich in der Westwand des Turms. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte die Turmhaube mehrfach ihre Gestalt. Auf der um 1600 entstandenen Stadtansicht hat sie die Form einer Pyramide. Zwischen 1817 und 1819 erhielt der Turm eine hölzerne Haube, die im Jahre 1924 durch eine hohe barockisierende Zwiebelform ersetzt wurde.

Am 23. März 1945, dem Tag der Zerstörung Dinslakens, wurde auch die Vincentius-Kirche durch Artillerie- und Bombentreffer schwer beschädigt. Als einige Wochen später der Turm zusammenstürzte, begrub er unter einer gewaltigen Schuttmasse den größten Teil der Kirche. Dabei wurde die Orgel vernichtet, ebenso viele wertvolle Kunstwerke aus dem westlichen Teil des Gotteshauses. Erst im Jahre 1949 waren die Pläne für den Wiederaufbau soweit gereift, dass mit der Beseitigung der Trümmer begonnen werden konnte. Der Wiederaufbau wurde in den Jahren 1950/51 durchgeführt. Nach den Plänen des Kölner Architekten Otto Bongartz wurde die Kirche im Westen erneuert und beträchtlich erweitert. Der Chor und zwei Joche der alten Kirche waren als Ruine erhalten geblieben. Einige Gewölbe und die Mauerkrone mussten erneuert werden. Der Boden des alten Teils wurde erhöht, dafür das neue weiträumige Querschiff tiefer gelegt, so dass der Hochaltar, jetzt in der großen runden Westapsis aufgestellt, stärker als zuvor in den Blick aller Kirchenbesucher rückt. Die sich Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelnden Gedanken der “liturgische Bewegung”, einer von Benediktinern und einzelnen Theologen wesentlich geprägte umfassende geistig-theologische Erneuerung, haben auf den neuen Anbau maßgeblichen Einfluss gehabt. In einer Publikation von Barbara Kahle zur Kirchenbaukunst des 20. Jahrhunderts in Deutschland betont sie, dass die liturgische Bewegung entscheidend “zu einem neuen Verständnis von Kirche beigetragen” habe. Sie habe vor allem die “Stellung der Gemeinde in der Kirche neu definiert” und die Ökumene sowie die “Bereitschaft, neue Formen von Gottesdienst und gemeindlicher Zusammenkunft zu akzeptieren” gefördert. Der “Wille zur Belebung einer Gemeinschaft von Gläubigen” war Grundlage zur Schaffung eines nicht unterteilten Kirchenraumes als Sinnbild der im Glauben an Christus wiedergeeinten Gemeinde. Gemeinde und Altar als christozentrischer Mittelpunkt stehen in enger Verbindung.

 

Mit einer Höhe von 41 m (ohne Kreuz) erreichte der Turm nicht die Höhe des Zwiebelturms, der 56 m gemessen hatte. In seiner Linienführung passt er sich jedoch organisch der baulichen Konzeption der Kirche an und bietet zudem einen am Niederrhein vertrauten Anblick. So war nach den Plänen des Architekten eine Kirche entstanden, die mit dem Verständnis und Einfühlungsvermögen aus dem erhaltenen Teil des gotischen Langhauses entwickelt war und doch im neuen Teil einer in die Zeit passende Baugesinnung entsprach. Für den Wiederaufbau des Westteils wurde ein großes, weiträumiges Querschiff mit einem neuen Chor an die Stelle des ehemaligen Westjoches gelegt und noch über die frühere Turmzone hinausgezogen. Auf diese Weise konnten anstelle der früheren 318 Sitzplätze Bänke für 650 Kirchenbesucher Aufstellung finden.

Die bauliche Synthese führte zwangsläufig zum Verzicht auf wesentliche Forderungen des modernen Kirchenbaus. Immerhin rückte der Altar stärker als zuvor in den Blick der Gläubigen: in Verbindung mit dem im Altarbogen hängenden gotischen Kreuz bezeichnet er den Schwerpunkt der Kirche. Die Stufung des Innenraums bildet den baulich notwendigen Übergang vom alten Langhaus in den neuen Teil. Sie erweist sich zudem als liturgische Brücke, indem sie den Blick auf den Altar freimach

nach oben

Die Kreuzigungsgruppe

 

An der Nordseite des Kirchturms befindet sich die Kreuzigungsgruppe von 1507 aus Sandstein. Aus einem Felsen mit Schädel und Gebein wächst das Kreuz mit dem Korpus Christi. Daneben stehen die T-förmigen Kreuze mit den beiden Schächern. Nach Prof. Günter stellt der Kalvarienberg das Hauptwerk einer Weseler Bildhauerwerkstatt um 1500 dar. Stilistisch sei die Gruppe den Arbeiten des Meisters des Berendonk’schen Kreuzwegs vor dem Xantener Dom zuzuschreiben. Die Kreuzigungsgruppe, die zu den bedeutendsten ihrer Art zählt, hat ihre eigene Geschichte und wurde erst im Jahre 1986 an der Kirche aufgestellt.

Die Kreuzigungsgruppe hatte ursprünglich vor den Mauern der Stadt Wesel vor einer Kapelle auf einem kleinen Erdhügel gestanden. Sie bildete den Abschluss eines Kreuzweges, der von der Matena-Kirche durch die Kreuzpforte führte. Der Kreuzweg war im Jahre 1507 von Weseler Bürgern nach einer beschwerlichen Pilgerfahrt ins Heilige Land gestiftet worden. Viele Weseler waren den Weg mit den Leidensstationen Christi bis zum Kalvarienweg draußen vor der Stadt gegangen bis dann im Jahre 1587 der Krieg der Holländer gegen die Spanier kam.

Im Jahre 1587 wurde die Stadt Wesel von den Spaniern unter der Leitung des Herzogs von Parma sehr bedrängt. Nach der Chronik von 1881 des Stadthistorikers von Wesel, P. Th. A. Gantesweiler, wurde im Januar 1588 die Kapelle an der Kreuzigungsgruppe niedergerissen, weil man befürchtete, dass die Belagerer eine Schanze aufwerfen würden. Die Kreuze sind nach Dinslaken gekommen.

Wie und wann die Dinslakener in den Besitz der Skulpturen des Kalvarienberges gekommen sind, lässt sich nicht mehr feststellen. Vielleicht wurden sie den Weselern abgekauft. Möglicherweise hat sie aber auch ein Pfarrer heimlich – sie lagen auf dem Boden – fortgenommen, um sie vor einer Zerstörung durch die Kalvinisten, die in Wesel das Sagen hatten, in Sicherheit zu bringen. Wir wissen es nicht. Jedenfalls bekamen die Drei Kreuze einen Ehrenplatz vor dem Walsumer Tor, wo sich heute nahe des Evangelischen Krankenhauses ein Kreisverkehr befindet.

1652 wurden die Kreuze zum ersten Mal renoviert, wie die Inschrift “Renovat. Vot. Et Sumptibus T.D.P.D. 1652″ nachweist. Es gab sicherlich mancherlei Widerspruch und Auseinandersetzungen mit den Reformierten, die solche “abgöttischen Bilder” nicht innerhalb der Mauern und in aller Öffentlichkeit dulden wollten. Zahlreiche Kunstwerke vielen seinerzeit ihren “Säuberungsaktionen” zum Opfer. Um die Gegner zu beruhigen und allen Falschdeutungen vorzubeugen, ließ der kluge Pfarrer Alexander Everhardi (1672-1709) an den Kreuzfuß folgendes einmeißeln:

DAS MAN HIR AM CREUTS HANGEN SEHT,
IS CHRISTI GEDACHTENIS,
ER IS SELBER NIT DAROM.
ANBIDDE NOCH HOLT OFF STEIN!
AUF CHRISTUM UND SEIN LEIDE
RICHT DEIN HERTS ALEIN!
Renovat 1681

Diese theologisch einwandfreie Erklärung scheint den Evangelischen eingeleuchtet zu haben. Die Dinslakener aller Konfessionen haben im Laufe der Zeit die “Drei Kreuze” als erhabene Marke im Stadtbild angenommen. Mehrfach mussten die Skulpturen restauriert werden.

Mit den Restaurierungsarbeiten im Jahre 1954 war der Bildhauer Peter Bürger (+ 1955) von der Xantener Dombauhütte betraut. Er entfernte alte Ölfarbanstriche von den Skulpturen und besserte beschädigte Stellen aus. Im Zuge dieser Renovierungsarbeiten wurde die baufällige Kapelle abgerissen, die sich bei der Kreuzigungsgruppe befand.

In den 1960er Jahren mussten die Skulpturen erneut umfangreich restauriert werden. 1963 wurde die Christusfigur zur Steinhärtung in die Werkstatt des Landeskonservators Rheinland nach Bonn geholt. Mit den beiden Häschern sollte wenige Jahre später gleiches geschehen. Die Natur war jedoch schneller. In der Nacht vom 16./17. Juli 1965 zerbrach der linke Schächer infolge eines Unwetters. Der linke Teil brach in Einzelstücken vom Kreuzesbalken. Im November 1965 wurden auch die beiden Schächer zur Steinhärtung in die Werkstatt nach Bonn geholt. Anschließend wurden die Skulpturen dem Bildhauer Kurt Räder von der Düsseldorfer Kunstakademie zur Restaurierung übergeben. In seiner Werkstatt in Wülfrath fügte er die Bruchstücke wieder zusammen und führte umfangreiche Ergänzungen an den Figuren durch. Im November 1968 erfolgte die Wiederaufstellung der Skulpturen am alten Platz.

1986 wurde die Kreuzigungsgruppe dann aus konservatorischen Gründen im Schutz der Kirchenmauern St. Vincentius aufgebaut. Am ehemaligen Platz (heutiger Kreisverkehr am evangelischen Krankenhaus) steht nunmehr ein Duplikat.

nach oben

Das Triumphkreuz

Jedem der die Kirche betritt fällt das überlebensgroßes Kruzifix ins Auge, das im Rundbogen des Altarraumes hängt. Seiner Art und Größe nach ist es ein Triumphkreuz, das in vielen Kirchen meist den Lettner krönte oder aber, wie hier, zwischen Altar und Gemeinde frei im Raum hängt. In den letzten Jahrzehnten vor dem 2. Weltkrieg hing es an der Wand einer Seitenkapelle neben dem Turm.

Der Körper des Heilands ist schmal und gestreckt, mit überlangen von starken Sehnen geprägten Armen. Der Kopf strahlt edle Gelassenheit und Ruhe aus. Der Körper ist sehr fein durchgebildet in guten Proportionen. Diese Kreuzesdarstellung spiegelt nicht den schonungslosen Ausdruck des Schmerzes, wie er für die rheinischen Ast- oder Gabelkreuze ansonsten üblich ist.

Das Dinslakener Kreuz stammt vermutlich aus dem Bereich des alten Bistums Lüttich, in dem vergleichbare, überlebensgroße Triumphkreuze zu finden sind. Als unmittelbare Vorstufe zum Dinslakener Werk bietet sich das große Kreuz in der Kathedrale zu Lüttich an, das in vielen Details eine enge Verwandtschaft zeigt. Weitere vergleichbare Kreuze gibt es auch in Looz und Aldeneick (Belgien). Keines dieser Kreuze erreicht jedoch die Qualität des Dinslakener Kruzifixes.

Bei der Restaurierung 2010 wurde das Werk in die Jahre um 1310 datiert, so dass es eines der frühesten Beispiele dieses Kreuztyps darstellt. Nach Ansicht von Kunsthistorikern gehörte das Kreuz schon vor 1420 zur Ausstattung der capella curata. In einer Urkunde von 1399, in der anlässlich der Schenkung des Hegebruchs an die Stadt Dinslaken durch Graf Dietrich von der Mark wird die “capella toe Dinslaiken by den heiligen cruce” genannt. Wenn es sich dabei um das noch heute vorhandene Kreuz gehandelt hat, stellt sich die Frage: Wie kam es nach Dinslaken?

Der Kanoniker Arnold Lichtpont war 1360 als Sohn des Everhard Lichtpont in Dinslaken geboren. Am 13. November 1389 machte ihn Papst Bonifaz IX. auf die Fürbitte König Eriks von Schweden und Norwegen zum Kanoniker am St.-Martins-Stift in Lüttich. Er war eine Persönlichkeit mit weltweiten Beziehungen, die zu vielen Pfründen und Einkünften führten und ihn zu einem wohlhabenden Kleriker machten. Mit der Heimatstadt Dinslaken blieb er weiterhin verbunden. Schöner Beweis ist die Stiftung eines Hospitals für alte und kranke Leute. Es liegt nahe, dass er die Dinslakener Heimatkirche, in der er getauft wurde, mit diesem Kreuz bedachte. Lichtpont ist 1420 in Köln gestorben.

Für die Menschen der damaligen Zeit war das Kreuz vor allem als Andachtsbild besonders verehrungswürdig gewesen. Im Rücken des Korpus sind zahlreiche Reliquien untergebracht, die Bedeutung und Wertschätzung dieses Kunstwerks noch unterstreichen. Die Reliquien galten dem mittelalterlichen, der Mystik aufgeschlossenen Menschen mehr als die noch so kostbare Hülle, in diesem Fall der Korpus des Kreuzes. Wahrscheinlich hat Pastor Theodor Dudink (1639-1672) zum ersten Mal den Inhalt des Kreuzes registriert. Er hat eine Liste erstellt über das, was er vorgefunden hat. In einem Buch, in dem die Taufen, Heiraten und Beerdigungen ab 1726 aufgezeichnet sind, befindet sich eine Abschrift dieser Liste.

“Folgende Reliquien ruhen im Rücken des Kreuzes, das vor dem Chor aufgehängt ist” (Reliquiae sequentes in dorso crucis supensae ante chorum):

Im 1. Beutel
1. Stück vom Zahn des Hl. Victor und einige Knochen,
2. Reliquie von den Hl. Cosmas und Damian,3. Reliquie der Hl. Margareta,
4. vom Stein des Tisches, an dem die zwölf Aposteln speisten,
5. vom Bart des Malachias und des Abtes Bernhard,6. vom Kopftuch der Hl. Jungfrau Maria.

Im 2. Beutel
1. von der Witwe Ida,
2. vom Blute Christi,
3. von der Jungfrau,
4. Reliquie von der Märtyrerin St. Justina und von dem Bischof Felix von Trier
5. von dem Hl. Apostel Andreas.

Im 3. Beutel
Pastor Dudink fand nichts Gekennzeichnetes.

Im 4. Beutel
1. vom Blut des Hl. Nikolaus,
2. vom Gewand des Hl. Apostels Thomas,
3. von den Schuhen des Hl. Victor,
4. vom Kleid der Hl. Jungfrau Brigida,
5. vom Hl. Udalricus,
6. von den Haaren und dem Blut der Hl. 11 000 Jungfrauen.

Im 5. Beutel
Haare und Knöchlein, die nicht bezeichnet sind.

Im 6. Beutel
vom Blut der Hl. Christina, in dreifacher Umhüllung.

Auf Zetteln vermerkt ist außerdem:

Gras aus dem Garten in den Christus eintrat, um zum Vater zu beten, Reliquien von der Hl. Katharina (Jungfrau und Märtyrerin), Staub von St. Petrus und Knöchlein von St. Viktor, St. Augustinus, Leonardus, Laurentius. Ein Schriftblatt vom Hl. Thomas von Aquin, das herausgerissen wurde aus einem Buch, das er benutzte, Reliquien der Hl. Christina, der Hl. Begga, der Hl. Clara. Besonders aufschlussreich ist der Hinweis auf ein Stück vom Tuch der seeligen Rita, Augustinerin, die erst 1628 von Papst Urban VIII. selig gesprochen wurde. Ein Stück Stein vom Grab unseres Herrn und viele andere jedoch unbekannte Reliquien.

Fast 240 Jahre scheint niemand wieder diese Reliquien zu Gesicht bekommen zu haben, bis der Kirchenmalers Jacob Rensing aus Krefeld sie wiederentdeckte, als er Ende 1900 das Triumphkreuz restaurierte. Seine Entdeckung teilte er seinem Auftraggeber Pfarrer Joseph Melcop mit.

Er schrieb in einem Brief vom 23. November 1900:

“Ew. Hochwürden die ergebenste Nachricht, dass ich, als ich diesen Morgen den Corpus von der Rückseite öffnete, vier Säckchen mit Reliquien, ein kleineres, verbundenes, einen Frauenstiefel und mehrere lose Knochen vorfand. Ich habe alle Sachen sorgfältig herausgenommen und unter Verschluss genommen. – Schriftliches wird wohl in den zugenähten Säckchen sich befinden. In dem Stiefel liegt ein Fragment eines Zettels, worauf Margaretha zu lesen ist. -”

Zwei Wochen später, am 11. Dezember 1900 erhielt der Pfarrer wieder einen Brief von Jacob Rensing:

“Vor Kurzem meldet ich EW Hochwürden den Reliquienfund im Corpus. Als ich heute beschäftigt war am Haupte, zeigte sich, dass das Haupt auch hohl war und nach einigem Suchen fand ich eine kleine Holzscheibe, die sich öffnen ließ. In dem Haupte nun war ein rotes Säckchen verborgen, auf dem ein schmaler Streifen Papier genäht war, worauf sich alte gotische Schrift befindet. Da dieselbe große Abkürzungen zeigt, ist sie schwer zu entziffern. In dem Säckchen sind wieder mehrere kleine zugenähte Säckchen enthalten, ein wie es scheint, blutgetränktes Tuch und ein Gürtel mit aufgesticktem römischen Kreuz.

Dann ein Streifen Pergament mit einer lateinischen Inschrift, welcher unser hochwürdigster Pastor, der sich sehr für die Sache interessiert, mir übersetzt hat. Dem Sinn nach heißt es so: “Als im Jahre 1661 im Oktober der Chor der Kirche erhöht und das Kreuz in der Kirche aufgehängt wurde, fanden sich im Haupte und dem Körper Reliquien vor. Dudink, Pfarrer.”

Seit dieser Zeit, scheint mir, sind die Reliquien nicht mehr an die Öffentlichkeit gekommen … Das Kreuz mit Corpus ist meiner Schätzung nach mindestens 500 Jahre alt. Dies meinte auch ein Münchener Künstler, welcher dieser Tage hier war. Er würde schon 2 000 Mark dafür geben, meinte er, wenn es zu kaufen wäre.”

Das Wissen um die Existenz dieser Reliquien scheint danach wieder in Vergessenheit geraten zu sein, bis ein unbekannter Autor auf die Liste im Pfarrarchiv stieß und in der “Dinslakener Volkszeitung” im Jahre 1934 über das Kreuz schreibt: “Im Rücken des Körpers befindet sich eine Höhlung, in die ein Glasgefäß mit Reliquien eingelassen ist.

Damit ist die Geschichte des Kreuzes jedoch noch nicht am Ende. Im 19. Jahrhundert mussten die Kreuzbalken nach gotischen Vorbildern erneuert werden. Als 1945 nach der Bombardierung der Stadt der Kirchturm einstürzte, wurde das in einer Seitenkapelle des Turms hängende Kreuz von den Trümmern getroffen und stark beschädigt. Der Kopf war gespalten und sämtliche Finger abgebrochen. Prof. W. Tophinke aus Brühl gelang es, im Auftrag des Provinzialkonservators die Schäden wieder zu beseitigen. Frau Brabender legte bei dieser Gelegenheit ältere Farbschichten wieder frei, so dass der heutige Zustand der mittelalterlichen Fassung sehr nahe kommt.

Nach fast dreijähriger Restaurierungszeit wurde das Triumpfkreuz am 19. Januar 2011 an seinen angestammten Platz im Altarraum der St. Vincentius zurückgeführt. An diesem Tag wurde eine weitere Reliquie – von der seligen Schwester Euthymia – zur Aufbewahrung in den Korpus gelegt. Bei der Restaurierung wurde die Erstfassung wieder freigelegt und die Schäden repariert. Eine jährliche konservatorische Begutachtung soll eine Erhaltung des jetzigen Zustandes sichern.

nach oben

Die Vincentius-Glocke

Die gewichtigste Glocke, die zweimal dem Einschmelzen während beider Weltkriege entging, ist die Vincentius Glocke, die frühere Brandglocke. Sie hat einen Durchmesser von 105 cm und wiegt 800 kg. Sie ist auf den Ton fis gestimmt. Sie trägt einen im Guss plastischen Fries mit grotesken Ornamenten und darunter die Inschrift:

URBS HAEC VINCENTIO PATRONO PRAESTAT HONORES UT PLEBI IN DURO TEMPORE SUB VENIAT 1785.
A. W. DAVIDIS BURGERMEISTER, H. T. HAGDORN SCHEFFEN, L. V. DOORE SCHEFFEN, J. L. TIBAU PASTOR, J. PETERS CAPELLAN, J. A. HAGDORN VICARIUS, G. HAVELAND KIRCHMEISTER, G. TIBAU KIRCHMEISTER,
ALEXIS PETIT MET SYN TWEE ZOONE ME FUNDERUNT.

(Die Stadt erweist dem Patron Vincentius die Ehre, damit er in schweren Zeiten dem Volke beistehe … Alexis Petit mit seinen zwei Söhnen haben mich gegossen.)

nach oben

Der Ambo

Rechts vorne im Chorraum sieht man den Ambo. In der Gegenbewegung von Barock und Rokoko besannen sich die bildenden Künstler in der Stilepoche des Klassizismus (Hochblüte von etwa 1770 bis 1830) auf die griechisch-antiken Ursprünge der abendländischen Kunst. Formenreichtum wird durch einfache, gesetzmäßig gebundene Formen erstrebt. Der Ambo der Vinzenz-Kirche wurde aus den Resten der ehemaligen Kanzel, die um 1860 gefertigt wurde, erstellt. Die bildlichen Darstellungen der Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas werden von kannelierten (von lat. canna ‘Rohr’) Säulen eingerahmt. Diese senkrechten, rinnenförmigen Auskehlungen erinnern sehr stark an den Schaft griechischer Säulen.

Die Hauptleistungen des Klassizismus lagen jedoch auf dem Gebiet der Architektur. Diese erstrebte klar gegliederte Körper. Schmuckkörper wurden angefügt, ohne den architektonischen Entwurf zu beeinflussen. Einzelne Motive antiker Vorbilder wurden wieder verwendet ohne diese jedoch zu kopieren. Anschauliche Beispiele für diesen Baustil sind zwar nicht in oder an der Kirche, jedoch an den denkmalgeschützen Ost- und Nordfassaden des neben der Kirche befindlichen Pfarrheims Johannahaus zu sehen.

Der Ambo (erhöhter Ort, von grch. anabainein = hinaufsteigen) ist Ort der Verkündigung des Wortes Gottes in der Liturgie. Der hohe Rang, der dem Ambo zukommt, entspricht der Würde des Wortes Gottes und der Bedeutung des Wortgottesdienstes; denn im verkündeten Wort Gottes ist Christus selbst gegenwärtig.

nach oben

Die Orgel

Der Wunsch vieler Gemeindemitglieder nach einer neuen Pfeifenorgel für die Pfarrkirche St. Vincentius in Dinslaken führte im Jahre 1990 zur Gründung eines Orgelförderkreises. Bis zur Erteilung des Auftrags zum Bau eines neuen Instruments an die Orgelbaufirma Romanus Seifert, Kevelaer, vergingen sechs Jahre mit Überlegungen und Planungen, und nicht zuletzt mit der Beschaffung des benötigten Geldes. Mittel aus Kirchensteueraufkommen oder aus Gemeindevermögen standen nicht zur Verfügung. So wurde das gesamte Projekt durch Spenden zahlreicher Pfarrangehöriger und von Freunden der Orgelmusik finanziert.
Die Orgel wurde im April 1999 fertig gestellt und eingeweiht.

Die begleitende Beratung des Orgelbaus übernahm der damalige Basilikaorganist Wolfgang Seifen aus Kevelaer. Von ihm stammen das Gesamtkonzept und die Disposition, die konsequent französisch-romantisch geprägt ist.

Die Orgel besitzt zwei Manuale und Pedal und umfasst 33 Register. Die Disposition bringt auf jedem Manual Grundstimmen in 8′ Lage, und zwar in allen typischen Labialbauformen: ein Prinzipal, eine offene Flöte, ein gedacktes Register und ein Streicher. Die 16′ Stimme betont die weiche, breite Grundanlage des Klangs. Die in beiden Manualen vertretenen Zungen bestimmen mit ihrer Brillanz den Gesamtklang entscheidend mit.
Das zweite Manual ist als Schwellwerk konzipiert.
Das Pedal weist einen starken Zungenchor auf, angeführt von einem Contre-Basson 32′.

Ein wichtiger Bestandteil der Orgel ist ihre Koppelanlage, die neben der üblichen Vorrichtung, die Manuale und das Pedal aneinander zu koppeln, im ersten Manual eine Octave grave (Suboktavkoppel) und im zweiten Manual neben der Octave grave noch eine Octave aigues (Superoktavkoppel) besitzt. Hierdurch wird ein weites Feld der Registriermöglichkeiten erschlossen.

Die mechanischen Spieltrakturen gewährleisten eine höchst sensible und artikulationsfördernde Spielart.

Zur Steuerung der Registertraktur besitzt die Anlage einen Setzer-Computer, der bis zu 800 individuelle Registrierungen ermöglicht.

Die Intonation der Orgel orientiert sich an den Klangeigenschaften der Instrumente Cavaillé-Coll’s. Selbstverständlich wurden alle Mensuren individuell auf den Kirchenraum von St. Vincentius abgestimmt. Somit ist diese Orgel ein Instrument, das unverkennbar die Handschrift der Orgelbaufirma Romanus Seifert trägt.

nach oben

Entstehung der Stadt Dinslaken und der alten Pfarrgemeinde St. Vincentius

In der sumpfigen Niederung des Rotbaches lag nahe Hiesfeld eine Burg (Turmhügelanlage), die 1190 erstmals genannt wird. Im 12. Jh. wurde die Anlage zur Steinburg umgestaltet. Ursprünglich war sie im Besitz der Burggrafen von Dinslaken. Sie gelangte dann im 13. Jh. in den Besitz von Kleve und war seit 1317 Sitz des Amtmanns für das “Land Dinslaken”, welches das gesamte Gebiet zwischen Schermbeck, dem Vest Recklinghausen, dem Rhein und Duisburg umfasste. Südöstlich der Burg entwickelte sich eine kleine Ansiedlung, die 1273 unter Dietrich VII. Graf von Kleve Stadtrechte erhielt. Die Neustadt am Kirchweg nach Hiesfeld wird 1349 genannt. Diese besaß bis Ende des 18. Jahrhunderts eine eigene Verwaltung. Anfang des 15. Jahrhunderts legte Herzog Adolf 1. von Kleve die Stadtbefestigung mit vier Toren an. Die 1396 erwähnte Kapelle mit Friedhof war ursprünglich Burgkapelle.

Vermutlich um 1420 wurde mit dem Bau einer Pfarrkirche begonnen. In einem Gedicht des Lehrers und Magisters Egidius Edingus heißt es sinngemäß: „Anno 1420 erlebte die Seelsorge eine Freude in jenem Dinslaken, welches Hiesfeld zugehörig war. Ein Taufbrunnen wurde dort errichtet, das hl. Öl untergebracht, ein neuer Pastor gewählt, und so bekam die Mutterkirche eine Tochter.“

Erst 1436 wurde auf Wunsch des Herzogs von Kleve die Dinslakener Kirche, die bis dahin noch als Kapelle bezeichnet wurde, von Hiesfeld abgetrennt und das Dinslakener Stadtgebiet durch Erzbischof Theoderich von Köln zur selbständigen Pfarrei erhoben. In der Stiftungsurkunde vom 18. Dezember 1436 heißt es: “… dass um die Curatkapelle die Zahl der Christusgläubigen so offenkundlich und zahlreich sich vermehrt hat und gewachsen ist, dass es geeignet und nützlich und sogar notwendig wurde, … die Kapelle zur Parochialkirche (Pfarrkirche) zu erheben und von der Mutterkirche zu trennen …”. Noch im gleichen Jahr wurde die Abtrennung von Herzog Adolf von Kleve bestätigt. Die Zustimmung des päpstlichen Legaten kam erst 1449.

Schon die Curatkapelle war dem hl. Vincentius von Saragossa geweiht. In der neuen Pfarrkirche wurde das Vincentius-Patrozinium fortgesetzt. Die ursprüngliche Curatkapelle muss wohl auch nicht ganz unvermögend gewesen sein, denn sie besaß schon vor der Pfarrerhebung außer einem Baptisterium (Taufkapelle) und einem Friedhof mehrere Vikarien mit den zugehörigen Altären. Die reichste Vikarie (Stiftung) war die des St. Georg. Der 1390 gestiftete Altar St. Georgi wurde 1426 bei der Bauleute- und Schützengilde zum Gildenaltar bestimmt. Der Altar St. Crucis wird bereits 1399 in der Verleihungsurkunde des Heegebruchs an die Stadt Dinslaken genannt.

Seit der Reformation wurden die verbliebenen Katholiken von Hiesfeld, Bruckhausen und Lohberg von Dinslaken seelsorglich betreut. Der Versuch eines reformierten Predigers aus Wesel, 1610 die Pfarrkirche mit Gewalt in Besitz zu nehmen, scheiterte am Widerstand des Stadtrates. Eine evangelische Gemeinde bildete sich 1611, eine reformierte 1603 bzw. 1612. Abgetrennt wurden Oberlohberg Herz Jesu unter Einschluss von Hiesfeld (1906), Lohberg St. Marien (1918), Dinslaken St. Jakobus (1955) und Dinslaken Heilig Blut (1965). Nach 569 Jahren, am 31. Oktober 2005, endete die Geschichte der Pfarrgemeinde St. Vincentius. Sie wurde aufgelöst und zunächst zusammen mit den ebenfalls aufgelösten Nachbargemeinden St. Johannes und Heilig Blut zur neuen Pfarrgemeinde St. Vincentius zusammengeschlossen. Am 1. Juli 2012 fand schließlich die Zusammenführung mit den anderen Gemeinden Dinslakens zur neuen Pfarrei St. Vincentius statt.

nach oben

Scroll To Top